Kosovo 2011

Reisebericht Kosovo
von Reinmar Nindler

Montag 2. Mai 2011 bis Freitag 6. Mai 2011

Pünktlich um vier Uhr früh an diesem Montag erinnerte mich mein Wecker an die unmittelbar bevorstehende Reise in den Kosovo. So machte ich mich auf den Weg zur Belgierkaserne in Graz, von wo aus unsere Delegation durch ein Fahrzeug des Bundesheeres zum Flughafen Linz-Hörsching gebracht werden sollte.

An der Einfahrt zur Kaserne erwartete uns bereits Univ.-Prof. Dr. Florian Bieber, der die insgesamt siebenköpfige Delegation der Universität Graz leiten sollte. Nach dem Eintreffen des letzten Delegationsmitgliedes startete unser kleiner Transport dann von Graz in Richtung Linz.

Nahezu unverzüglich nach unserer Ankunft am Flughafen Linz-Hörsching wurde unser Check-In durch das Bodenpersonal des Bundesheeres abgewickelt, das Gepäck wurde entgegengenommen und spezielle Bordkarten wurden den Delegationsmitgliedern ausgehändigt. Schließlich folgte der Transport zum militärischen Teil des Flughafens, dem Fliegerhorst Vogler. In der Folge durften wir uns an Bord einer C-130 Hercules begeben, eine für fast alle Mitglieder der Delegation völlig neue Erfahrung.

Nicht nur die ungewöhnliche Anordnung der Sitzmöglichkeiten, nämlich auf Bänken mit Blickrichtung Bordwand und nicht etwa wie bei einem Zivilflug auf einzelnen Flugzeugsitzen mit Blickrichtung in Flugrichtung, sorgten für ein völlig neues Flugerlebnis, auch der starke Lärm durch die Motoren im Flugzeuginneren war mit der Geräuschkulisse auf einem zivilen Flug nicht vergleichbar.

Nach der Landung auf dem von den italienischen Luftstreitkräften geleiteten Militärflughafen Gjakova wurden wir mit einem Fahrzeug des Bundesheeres direkt zum KFOR-Stützpunkt Camp Casablanca in Suhareka gebracht, unserer Operationsbasis und Unterkunft für die Zeit unseres Aufenthaltes im Kosovo.
Dort erhielten wir auch bereits kurz nach unserer Ankunft ein Briefing sowohl über das richtige Verhalten im Camp, als auch über die aktuelle Lage im Kosovo aus der Sicht der KFOR.

Schließlich folgte noch ein Briefing des CIMIC (Civil Military Cooperation) im Kosovo. Die Soldaten des CIMIC sollten es auch sein, die uns in den nächsten Tagen während unseres Aufenthaltes im Kosovo begleiten und jederzeit mit Rat und Tat zur Seite standen.
Die eigentliche Aufgabe des CIMIC besteht allerdings darin, Hilfe und Unterstützung für die Zivilbevölkerung anzubieten, sei dies durch das Verteilen von Lebensmitteln, durch den Bau von Wohnhäusern oder anderer wichtiger Infrastruktur, wie beispielsweise Schulen, oder auch durch die Betreuung anderer Projekte, welche auf den Aufbau wirtschaftlicher Betriebe abzielen.
Noch am selben Nachmittag durften wir Einblick in die Arbeit des CIMIC nehmen, denn wir besuchten mehrere Familien in der Umgebung, die im Rahmen von Projekten unter anderem neue Häuser zur Verfügung bestellt bekamen. Diese Angehörigen der Ashkali-Minderheit begegneten uns mit großer Offenheit und gaben bereitwillig Auskunft über ihre Situation.

Dabei erfuhren wir, dass die hohe Arbeitslosigkeit im Kosovo gerade Minderheiten unverhältnismäßig stärker trifft, da deren Angehörige einer Diskriminierung am Arbeitsmarkt ausgesetzt sind. Dies führt in Verbindung mit den sehr geringen Sozialleistungen im Kosovo zu einer schwierigen Lebenssituation für viele Familien, so dass jene Familien finanziell deutlich besser gestellt sind, die durch im Ausland arbeitende Verwandte unterstützt werden.
In der Folge führte unsere Reise durch den Kosovo nicht etwa nur in die Hauptstadt Pristina, sondern auch in die zweitgrößte Stadt des Kosovo, Prizren.

Im Laufe der Woche besuchten wir unter fachkundiger Leitung von Univ.-Prof. Dr. Bieber unter anderem das Monument an der Gedenkstätte Gazimestan, welches an die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 erinnern soll.

Weitere Höhepunkte der Reise in kultureller Hinsicht waren der Besuch des Klosters Gračanica, einer kleinen Kapelle in Velika Hodza und der Gedenkstätte in Prekaz. An diesem Ort wurden bei einer Belagerung des Rückzugsortes einer Gruppe von UCK-Kämpfern durch eine schwerbewaffnete Anti-Terror Einheit der serbischen Polizei, welche in ein Feuergefecht mündete, nicht nur mehrere Kämpfer, sondern auch dutzende Zivilisten getötet.

Zum Zeitpunkt des Besuchs durch die Delegation der Universität Graz befand sich ein komplettes "Gedenkzentrum" im Bau, welches nicht nur die auf dem Foto sichtbaren Grabstätten der Opfer umfasst, sondern auch Nebengebäude sowie das immer noch erhaltene Gebäude, welches damals belagert wurde.

Aber nicht nur die historischen und kulturellen Aspekte des Kosovo wurden während der Reise behandelt, sondern selbstverständlich auch rechtliche und politische Dimensionen.

Daher stand nicht nur ein Besuch beim International Civilian Office, welches dem International Civilian Representative im Kosovo zur Seite steht, auf dem Programm. Das ICO soll unter anderem die Integration des Kosovo in Europa fördern.
Eine andere wichtige internationale Institution im Kosovo, welche von uns besucht wurde, war EULEX Kosovo. Diese Rechtsstaatlichkeitsmission der EU im Kosovo versucht in Zusammenarbeit mit den nationalen Behörden, die Rechtsstaatlichkeit im Kosovo auf allen Ebenen zu fördern und zu etablieren, beispielsweise in Polizei und Justiz.

Für einen Überblick über die Situation durfte aber auch der Kontakt mit nationalen politischen Akteuren nicht fehlen.

Aus diesem Grund besuchte die Delegation auch Albin Kurti, den Führer der politischen Partei Vetëvendosje, welcher nicht nur von seinen Erfahrungen als politischer Aktivist in der Vergangenheit berichtete, sondern auch die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation im Kosovo aus seiner Sicht schilderte.

Auch der Außenminister des Kosovo, Enver Hoxhaj, empfing die Delegation und gab einen Einblick in seine Arbeit und die aktuellen außenpolitischen Herausforderungen, mit welchen sich der Kosovo konfrontiert sieht.

Schließlich teilte die stellvertretende Ministerpräsidentin des Kosovo, Edita Tahiri, in einer Fragerunde mit den Delegationsteilnehmern den aktuellen Stand der "technischen Gespräche" zwischen dem Kosovo und Serbien mit, bei welchen sie als Vertreterin des Kosovo fungiert. In diesen Gesprächen geht es unter anderem darum, dass Serbien dem Kosovo Sterbe- und Geburtsregister aushändigt, welche aus der Zeit vor der Unabhängigkeit des Kosovo stammen, dass sich Personen und Fahrzeuge über die Grenze bewegen können und dass Universitätsdiplome gegenseitig anerkannt werden.

Mit dem Rückflug am 6. Mai 2011 ging für die Mitglieder der Delegation der Universität Graz eine anstrengende, aber auch äußerst lehrreiche Reise durch ein junges Land zu Ende.

Betonen möchte ich an dieser Stelle abschließend nochmals die hervorragende Betreuung durch das Bundesheer. Nicht nur, dass ohne die Unterstützung des Heeres diese Reise gar nicht möglich gewesen wäre, die Soldaten des Bundesheeres und ganz besonders die Mitglieder des CIMIC standen uns ständig zur Seite, kümmerten sich um unsere Probleme und Wünsche und setzten alle Hebel in Bewegung, wenn es darum ging, uns dabei zu helfen, unseren sehr engen Zeitplan einzuhalten. Der reibungslose Ablauf unseres Besuches im Kosovo konnte nur durch den deutlich über das Maß des gewöhnlichen „Dienstes nach Vorschrift“ hinausgehenden Einsatz der beteiligten Soldaten und Soldatinnen gelingen. Damit bewies das Bundesheer einmal mehr, dass das österreichische Militär seinen Ruf als äußerst professionelle Truppe und als Experten für Auslandseinsätze mit UN-Mandat zu Recht genießt.

Mein ganz besonderer Dank gilt auch Univ.-Prof. Dr. Florian Bieber, ohne den diese Reise nie zu Stande gekommen wäre. Aufgrund seines Engagements und seiner hervorragenden Sprach- und Fachkenntnisse, sowie seiner Kontakte war es den Delegationsmitgliedern möglich, viel über den Kosovo zu lernen.